Beobachtung zweiter Ordnung

Die Welt ist beobachtbar, weil sie unbeobachtbar ist.

Niemand sieht die eigene Blindheit beim Sehen. Jede Beobachtung braucht eine Unterscheidung, und genau diese Unterscheidung bleibt für den Beobachter selbst unsichtbar. Niklas Luhmann macht daraus die Grundoperation seiner Systemtheorie. Beobachten heißt, eine Seite einer Unterscheidung zu bezeichnen, nicht die andere (Luhmann, 1995, S. 43)1. Wer ›rot‹ sagt, bezeichnet damit auch, ohne es zu erwähnen, alles, was nicht rot ist.

Beobachtung zweiter Ordnung verschiebt die Frage. Sie fragt nicht mehr, was ein Beobachter sieht, sondern wie er sieht — welche Unterscheidung er benutzt, um überhaupt etwas sichtbar zu machen (Vanderstraeten, 2001, S. 304). Heinz von Foerster erlebt diese Verschiebung leibhaftig. Bei einer Familientherapie hinter dem Einwegspiegel schaltet er aus Neugier den Ton ab und sieht plötzlich nur noch, wie die Familie spricht, nicht mehr, was sie sagt (siehe Beispiel). Er nennt diesen Wechsel den Übergang von der Kybernetik beobachteter Systeme zur Kybernetik zweiter Ordnung, der Kybernetik beobachtender Systeme (von Foerster, 2003, S. 302).

Der Trick hat einen Preis. Beobachtet ein zweiter Beobachter den ersten, sieht er dessen blinden Fleck — aber nur, indem er selbst eine neue Unterscheidung zieht, die wiederum unsichtbar bleibt. Loet Leydesdorff zitiert Luhmanns eigene Pointe dazu. Der Beobachter zweiter Ordnung ist selbst immer auch ein Beobachter erster Ordnung, weil er den Beobachter, den er beobachten will, erst bezeichnen muss (Leydesdorff, 2006). Der blinde Fleck verschwindet nie. Er wandert nur eine Ebene weiter — und genau deshalb schlägt Leydesdorff vor, in sozialen Systemen nicht von Beobachtungen zu sprechen, sondern von Erwartungen: Nur Menschen sehen, Gesellschaften erwarten nur (siehe Widerspruch).

Dein eigener Zettelkasten betreibt dieselbe Verschiebung. Du exzerpierst nicht nur, was du liest, das ist Beobachtung erster Ordnung. Du beobachtest zugleich, wie du liest, verschlagwortest und verknüpfst (siehe Blick über den Rand). Kein System entkommt dem eigenen blinden Fleck. Es kann ihn nur verschieben, nie auflösen.

Anknüpfungspunkte

Irritation vs. Information - Beobachtung zweiter Ordnung setzt voraus, dass Systeme nur ihre eigenen Unterscheidungen sehen, nie die Irritation selbst. Operationale Geschlossenheit - Der blinde Fleck ist die Kehrseite operationaler Geschlossenheit: Das System sieht nie über die eigene Grenze hinaus. Strukturelle Drift - Auch der blinde Fleck driftet nur, statt sich je aufzulösen, keine Optimierung, nur Verschiebung.


Rückseite/Diskurs

Bestätigung

Raf Vanderstraeten bestätigt Luhmanns Ausgangspunkt und radikalisiert ihn zugleich. Er übernimmt von Foersters Grundgedanken, dass alles Wissen von Beobachtungen abhängt, und trägt ihn direkt in Luhmanns System-Umwelt-Rahmen hinein. Beobachtung zweiter Ordnung wird bei ihm zum Programm der gesamten Systemtheorie. Man beobachtet nie die Welt direkt, immer nur, wie ein System sie beobachtet (Vanderstraeten, 2001, S. 304).

Widerspruch/Kritik

Loet Leydesdorff hält die biologische Metapher des Beobachters für eine Fehlübersetzung. In der Soziologie bezeichnet eine Unterscheidung nur eine Kategorie, kein Sehen, Gesellschaften haben keine Augen und können nicht schauen. Leydesdorff schlägt deshalb vor, den Begriff Beobachtung im soziologischen Kontext konsequent durch Erwartung zu ersetzen. Ein System erwartet, es beobachtet nicht (Leydesdorff, 2006). Seine Kritik erschien peer-reviewed in der Fachzeitschrift Kybernetes und ursprünglich als Preprint auf arXiv.

Beispiel

Von Foerster sitzt in einem Beobachtungsraum und schaut durch einen Einwegspiegel einer Therapiesitzung mit einer vierköpfigen Familie zu. Aus Neugier schaltet er den Ton ab. Was er dann sieht, die stumme Pantomime, das Öffnen und Schließen der Lippen, die Körperbewegungen, der Junge, der einmal aufhört, an seinen Nägeln zu kauen, nennt er »die Tanzschritte der Sprache, ohne die störenden Effekte der Musik«2. Er beobachtet nicht mehr, was gesagt wird, sondern wie kommuniziert wird, und ordnet diese Beobachtung selbst explizit als Beobachtung zweiter Ordnung ein (von Foerster, 2003, S. 294).

Genealogie

Heinz von Foerster begründet mit seinem Sammelband Observing Systems die Kybernetik zweiter Ordnung, die Kybernetik der beobachtenden Systeme statt nur der beobachteten Systeme. Die eigentliche Unterscheidung artikuliert er aber schon 1974, Jahre vor dem Buch, in einem Aufsatz mit dem programmatischen Titel Kybernetik der Kybernetik (Scott, 2004). Bernard Scott rekonstruiert diese Genealogie und verortet ihren Nährboden am Biological Computer Laboratory der University of Illinois, wo von Foerster von 1958 bis 1976 unter anderem Ross Ashby, Gordon Pask, Humberto Maturana und Francisco Varela zu Gast hatte (Scott, 2004).

Vertiefung

Niklas Luhmann treibt die Konsequenz auf die Spitze. Jede Beobachtung erzeugt einen blinden Fleck, weil die benutzte Unterscheidung selbst nie mitbeobachtet werden kann. Beobachtung zweiter Ordnung verschiebt diesen blinden Fleck nur, sie hebt ihn nie auf. Daraus folgt für Luhmann die Paradoxie beobachtender Systeme selbst: »Die Welt ist beobachtbar, weil sie unbeobachtbar ist.«3 Jac Christis stellt klar, was das nicht bedeutet. Luhmanns Konstruktivismus macht die Welt nicht unerkennbar, sondern nur unerschöpflich, Unterscheidungen sind die Landkarte, nicht das Gebiet, das sie beschreiben (Christis, 2001, S. 335).

Blick über den Rand

Johannes Schmidt zeigt, dass die Zettelkasten-Methode selbst diese Struktur hat. Wer exzerpiert, beobachtet erster Ordnung, was ein Text sagt. Wer beim Verschlagworten und Verknüpfen zugleich bemerkt, wie er selbst liest, ordnet und assoziiert, betreibt Beobachtung zweiter Ordnung an sich selbst (Schmidt, 2013). Genau das unterscheidet einen Zettelkasten von einer bloßen Materialsammlung.

Footnotes

  1. Originalzitat: »Observing means making a distinction and indicating one side (and not the other side) of the distinction.« (Luhmann, 1995, S. 43)

  2. Originalzitat: »What I saw then were the dance steps of language, the dance steps alone, without the disturbing effects of the music.« (von Foerster, 2003, S. 294)

  3. Originalzitat: »The world is observable because it is unobservable.« (Luhmann, 1995)

Christis, J. (2001). Luhmann’s Theory of Knowledge: Beyond Realism and Constructivism? Soziale Systeme, 7(2). https://doi.org/10.1515/sosys-2001-0209
Leydesdorff, L. (2006). The Biological Metaphor of a Second-Order Observer and the Sociological Discourse. Kybernetes. the International Journal of Cybernetics, Systems and Management Sciences, 35(3/4), 531–546. https://doi.org/10.1108/03684920610653791
Luhmann, N. (1995). The Paradoxy of Observing Systems. Cultural Critique, 31. https://doi.org/10.2307/1354444
Schmidt, J. F. K. (2013). Der Zettelkasten Als Zweitgedächtnis. Historische Anmerkungen Zur Entstehung Der Zettelkastenmethode. Soziale Systeme, 19(1), 167–183. https://doi.org/10.1515/sosys-2014-0111
Scott, B. (2004). Second-Order Cybernetics: An Historical Introduction. Kybernetes. the International Journal of Cybernetics, Systems and Management Sciences, 33(9/10). https://doi.org/10.1108/03684920410556007
Vanderstraeten, R. (2001). Observing Systems: A Cybernetic Perspective on System/Environment Relations. Journal for the Theory of Social Behaviour, 31(3). https://doi.org/10.1111/1468-5914.00160
von Foerster, H. (2003). Ethics and Second-Order Cybernetics. In Understanding Understanding: Essays on Cybernetics and Cognition. Springer. https://doi.org/10.1007/0-387-21722-3_14