Interpenetration
Getrennt operieren, wechselseitig ermöglichen.
Systeme können nicht verschmelzen. Jedes autopoietische System operiert strikt geschlossen. Dennoch gibt es Beziehungen, die über bloße strukturelle Kopplung hinausgehen – Interpenetration ist eine davon.
Niklas Luhmann radikalisiert das Konzept: Zwei Systeme stellen einander ihre eigene Komplexität zur Verfügung, um sich selbst zu strukturieren.1 Sie bleiben getrennt; sie machen sich aber konstitutiv voneinander abhängig. Sie irritieren sich nicht nur; sie ermöglichen sich. Ein System kann ohne das andere nicht existieren, obwohl es operativ unabhängig bleibt (Luhmann, 1984, S. 286).
Bewusstsein und Kommunikation illustrieren das Prinzip. Das Bewusstsein kann nicht kommunizieren; die Kommunikation kann nicht denken. Aber ohne Bewusstsein gäbe es keinen ›Lärm‹, aus dem Kommunikation Sinn selektieren könnte. Ohne Kommunikation, Sprache, könnte das Bewusstsein keine komplexen Gedanken strukturieren. Ein Gedanke ist kein Satz; ein Satz ist kein Gedanke. Dennoch braucht die Sprache das Bewusstsein als Lärmquelle, um Information zu erzeugen.
Andy Clark und David Chalmers beschreiben mit dem Extended Mind ein ähnliches Phänomen.2 Der Geist greift auf externe Strukturen zu – Notizbuch, Werkzeug –, als wären sie Teil des eigenen Systems. Das psychische System interpenetriert mit dem externen Speicher. Otto, ein Alzheimer-Patient, erinnert sich nicht mit seinem Hippocampus, sondern mit seinem Notizbuch.
Anknüpfungspunkte
Strukturelle Kopplung - Interpenetration steigert Kopplung zur wechselseitigen Konstitution. Kognitive Externalisierung - Externe Werkzeuge werden durch Interpenetration Teil des Geistes.
Bestätigung
Luhmann bestätigt: Interpenetration ist – entgegen gängigem Missverständnis – keine Vermischung. Nur so werden Systeme autonomer. Du nutzt Sprache, ein soziales System, um individuell zu denken – ein psychischer Prozess. Menschen können nicht ohne soziale Systeme denken; soziale Systeme können nicht ohne Menschen kommunizieren. Die wechselseitige Abhängigkeit steigert die Autonomie beider Systeme (Luhmann, 1984, S. 290).
Widerspruch
Jürgen Habermas kritisiert: Luhmann ersetzt ›Intersubjektivität‹ durch eine subjektlose Beziehung zwischen System und Umwelt.3 Wo Subjekte Konsens erreichen sollten, sieht Luhmann nur Systeme, die sich gegenseitig als Rauschen nutzen. Die Theorie kann nicht erklären, wie Menschen sich rational verständigen. Sie reduziert Kommunikation auf Irritation, statt sie als intentionalen Akt zwischen Menschen zu verstehen (Habermas, 1985, S. 360).
Beispiel
Tanzpaar: Zwei Tänzer bewegen sich unabhängig; keiner steuert die Muskeln des anderen. Aber ihre Bewegungen ermöglichen sich wechselseitig. Ein Tango entsteht nur, weil beide Systeme, die Tänzer, sich gegenseitig ihre Komplexität zur Verfügung stellen. Sie bleiben physiologisch getrennt, konstituieren aber gemeinsam den Tanz (Luhmann, 1984).
Genealogie
Talcott Parsons führte den Begriff ein, um zu beschreiben, wie Kultur und Persönlichkeit sich ›durchdringen‹ (Parsons, 1951). Luhmann übernahm den Begriff, definierte ihn aber radikal um: Von ›Durchdringung‹ zu ›operativer Geschlossenheit bei gleichzeitiger Abhängigkeit‹. Er ersetzte den Begriff später oft durch ›Strukturelle Kopplung via Sprache‹, um das Missverständnis der Verschmelzung zu vermeiden.
Vertiefung
Luhmann unterscheidet strikt zwischen dem psychischen System, dem Bewusstsein, und dem sozialen System, der Kommunikation.4 Gedanken sind nicht kommunizierbar; Kommunikation ist nicht denkbar. Dennoch sind sie aufeinander angewiesen. Interpenetration beschreibt genau diesen paradoxen Zustand: Maximale Abhängigkeit bei maximaler Trennung.
Blick über den Rand
In der Biologie: Endosymbiose. Mitochondrien waren einst eigenständige Bakterien, die in eine Wirtszelle eindrangen. Heute sind sie Teil der Zelle, haben aber noch eigene DNA. Sie interpenetrieren mit der Zelle: Sie sind getrennt durch eigene DNA, aber konstitutiv abhängig, da kein Leben ohne einander möglich ist.
Footnotes
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Interpenetration – lat. inter für zwischen, penetrare für eindringen: Ein Begriff von Talcott Parsons, den Luhmann umdefinierte. Er bezeichnet eine Beziehung zwischen Systemen, bei der sie sich wechselseitig ermöglichen, indem sie die Komplexität des anderen nutzen. Wichtig: Keine Verschmelzung! (Luhmann, 1984) ↩
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Extended Mind – erweiterter Geist: Die These von Andy Clark und David Chalmers, dass kognitive Prozesse nicht an der Schädelgrenze enden. Wenn ein externes Werkzeug – Notizbuch, Smartphone – dieselbe funktionale Rolle spielt wie ein interner Prozess, ist es Teil des Geistes (Clark & Chalmers, 1998). ↩
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Intersubjektivität – lat. inter für zwischen, subiectum für Subjekt: Die Idee, dass Bedeutung und Verständigung zwischen Subjekten entstehen – also Konsens. Habermas kritisiert Luhmann, weil er Subjekte durch Systeme ersetzt. ↩
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Psychisches System: Operiert mit Gedanken – also Bewusstsein. Soziales System: Operiert mit Kommunikation. ↩