Kognitive Externalisierung
Schreiben ist Denken auf Papier.
Gedanken landen nicht auf dem Papier; sie entstehen auf dem Papier. Charles Weiner nannte Richard Feynmans Notizen eine »Aufzeichnung seiner Arbeit«. Feynman widersprach: »Das ist keine Aufzeichnung. Ich arbeite auf dem Papier.«1 Ohne das Papier existiert der komplexe Gedanke nicht, weil das Arbeitsgedächtnis zu klein ist.
Merlin Donald nennt solche externen Spuren Exogramme – Gedächtnisspuren außerhalb des Gehirns.2 Im Gegensatz zu Engrammen, neuronalen Spuren, verblassen Exogramme nicht. Sie sind unbegrenzt; sie lassen sich kritisieren und umbauen. Du lagerst den Kontext aus, um RAM für neue Operationen frei zu haben. Du schreibst nicht, um zu speichern; du schreibst, um denken zu können.
Papier ist keine Archivbox; Papier ist eine Werkbank. Niemand geht in die Werkstatt, um fertige Dinge zu lagern; man geht hin, um Dinge zu bauen.
David Kirsh nennt das epistemische Handlung – eine Handlung, die das Problem vereinfacht, statt es direkt zu lösen.3 Tetris-Spieler drehen Steine nicht, um sie einzubauen; sie drehen sie, um zu sehen, ob sie passen. Die physische Rotation ist schneller als die Simulation im Kopf. Dasselbe passiert, wenn wir Zettel auf dem Tisch verschieben. Wir denken nicht nach; wir lassen die Hände denken.
Anknüpfungspunkte
ZK Emergenz - Muster erkennen wir erst, wenn die Teile externalisiert vor uns liegen. ZK Atomizität - Exogramme müssen atomar sein, damit wir sie physisch neu kombinieren können. ZK Epistemische Handlung - Das Externalisieren selbst ist die eigentliche kognitive Arbeit.
Bestätigung
Clark und Chalmers bestätigen dies mit der ›Extended Mind Thesis‹: Der kognitive Prozess endet nicht an der Schädelgrenze. Wenn ein externes Werkzeug, Stift, Papier oder Notizbuch, dieselbe funktionale Rolle spielt wie ein interner Prozess, ist es Teil des Geistes (Clark & Chalmers, 1998, S. 8).
Widerspruch
Betsy Sparrow wies den ›Google Effect‹ nach: Wenn wir wissen, dass Information gespeichert ist, merken wir sie uns schlechter. Externalisierung führt zu interner Atrophie (Sparrow et al., 2011). Schon Platon warnte im Phaidros,4 dass die Schrift »Vergesslichkeit in die Seelen der Lernenden« bringe. Die Kritik ist berechtigt, übersieht aber den Trade-off: Du tauschst Merkfähigkeit gegen Denkfähigkeit.
Beispiel
Feynmans Notizen: Charles Weiner, Historiker am MIT, sah Feynmans Notizbücher und sagte: »Die Arbeit war in Ihrem Kopf, aber die Aufzeichnung ist hier.« Feynman widersprach scharf: »Nein, das ist keine Aufzeichnung. Es ist die Arbeit selbst. Man muss auf dem Papier arbeiten, und das hier ist das Papier.« (Gleick, 1992) Feynman dachte nicht zuerst im Kopf und schrieb dann auf; er dachte, indem er schrieb. Das Papier war sein Denkorgan.
Genealogie
Merlin Donald entwickelte die Theorie, dass der entscheidende Schritt zur modernen menschlichen Kognition nicht eine biologische Änderung des Gehirns war, sondern die Erfindung externer Speicher – Symbolsysteme, Schrift (Donald, 1991). Clark und Chalmers bauten darauf auf und formulierten die Extended-Mind-These 1998.
Vertiefung
Edwin Hutchins erweitert dies zu Distributed Cognition – der Idee, dass Denken über Mensch und Werkzeug verteilt ist.5 Ein Flugzeug-Cockpit ›erinnert‹ sich an kritische Geschwindigkeiten nicht im Kopf des Piloten, sondern durch physische Marker an den Instrumenten. Diese Marker, sogenannte ›Speed Bugs‹, zeigen die minimale sichere Landegeschwindigkeit an. Der Pilot muss sich die Zahl nicht merken; das Instrument merkt sie für ihn. Das System – Pilot und Instrumente zusammen – ist die kognitive Einheit (Hutchins, 1995).
Blick über den Rand
In der Informatik: Cache vs. Disk. Das Arbeitsgedächtnis, RAM, ist schnell, aber klein und flüchtig wie das Gehirn. Die Festplatte, Disk, ist langsam, aber riesig und persistent wie Papier. Du nutzt Caching-Strategien, um relevante Daten im RAM zu halten und den Rest auf Disk auszulagern. Externalisierung ist Speichermanagement für das Gehirn.
Footnotes
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Originalzitat: »The work was done in your head, but the record of it is still here.« – »No, it’s not a record, not really. It’s working. You have to work on paper, and this is the paper.« (Gleick, 1992) ↩
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Exogramm – griech. exo für außen, gramma für Schrift: Gedächtnisspur außerhalb des Gehirns (z.B. Zettel). Gegensatz: Engramm – die innere Gedächtnisspur. (Donald, 1991) ↩
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Epistemisch – griech. episteme für Wissen: Eine Handlung, die der Erkenntnis dient – wie einen Stein zu drehen, um zu sehen. Gegensatz: Pragmatisch – einen Stein legen, um zu bauen. (Kirsh & Maglio, 1994) ↩
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Phaidros: Platon-Dialog (ca. 370 v. Chr.), in dem Sokrates die Schrift kritisiert. ↩
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Distributed Cognition: Kognition ist kein isolierter Prozess im Kopf, sondern ein Systemprozess zwischen Mensch, Werkzeug und Umwelt. (Hutchins, 1995) ↩