ZK Epistemische Handlung

Handeln, um zu denken.

Tetris-Spieler rotieren die fallenden Steine viel öfter als nötig. Sie tun das nicht, um den Stein einzubauen, sondern um zu sehen, ob er passt. Die physische Rotation auf dem Screen ist schneller als die mentale Rotation im Kopf.

David Kirsh und Paul Maglio nennen dies epistemische Handlung.1 Eine Handlung, die die Welt verändert, um Informationen zu gewinnen, nicht um ein Ziel direkt zu erreichen, pragmatische Handlung. Du handelst, um Rechenlast zu sparen. Epistemische Handlungen machen mentale Berechnungen einfacher, schneller oder verlässlicher (Kirsh & Maglio, 1994)2.

Im Zettelkasten ist das Schreiben, Verschieben und Verlinken von Zetteln eine Kette solcher Handlungen. Wenn du Zettel auf dem Tisch ausbreitest und umsortierst, räumst du nicht auf. Du denkst mit den Händen. Du manipulierst die Umwelt, um Muster zu sehen, die dein Gehirn intern niemals halten kann.

Ein Mathematiker, der eine Gleichung umformt, tut dies epistemisch. Er schreibt Zwischenschritte auf, nicht um das Ergebnis zu fixieren, sondern um die nächste Operation überhaupt sehen zu können. Der Zettelkasten ist das Papier des Denkers für komplexe Argumente.

Anknüpfungspunkte

Kognitive Externalisierung - Epistemische Handlungen sind die Methode der Externalisierung. Strukturelle Kopplung - Durch physische Manipulation tritt das Bewusstsein in direkten Austausch mit dem System. ZK Serendipität - Wer physisch mit dem Material spielt, stolpert eher über Zufälle.

Bestätigung

Das Konzept stützt die Extended Mind These. Kognition findet nicht allein im Kopf statt. Die Manipulation der Umwelt ist kognitiv, nicht nur motorisch. Wenn wir Scrabble-Steine ordnen, um ein Wort zu finden, ist dieses Ordnen Teil des Denkprozesses (Clark & Chalmers, 1998).

Widerspruch

Die Kognitionspsychologie warnt vor zu viel Cognitive Offloading.3 Wenn du alles auslagerst, trainierst du interne Fähigkeiten nicht mehr, Google Effect (Sparrow et al., 2011)4. Epistemische Handlungen sollten das Denken unterstützen, nicht ersetzen. Der Zettelkasten ist ein Werkzeug zum Denken, kein Ersatz dafür.

Beispiel

Scrabble: Spieler ordnen ihre Buchstabensteine ständig um. Sie suchen nicht erst mental nach Wörtern und legen sie dann ab. Sie ordnen die Steine um, damit Wörter vor ihren Augen ›aufpoppen‹. Das physische Arrangement verändert den kognitiven Zustand. Der Zettelkasten ist ein permanentes Scrabble-Brett für Gedanken.

Genealogie

David Kirsh und Paul Maglio führten den Begriff 1994 ein, um zu erklären, warum Experten ihre Arbeitsumgebung manipulieren (Kirsh & Maglio, 1994). Später wurde dies unter dem Überbegriff Cognitive Offloading gefasst (Risko & Gilbert, 2016).

Vertiefung

Evan Risko fasst epistemische Handlungen unter Cognitive Offloading. Du manipulierst die Umwelt, um kognitive Kapazität freizugeben (Risko & Gilbert, 2016)3. Du lagerst Daten aus, wie in einer Datenbank, aber auch Denkvorgänge selbst.

Blick über den Rand

Im UX-Design: Gute Interfaces erlauben epistemische Handlungen. Drag-and-Drop, Zooming, Filtering. Benutzer wollen Daten manipulieren, um sie zu verstehen (›Exploratory Data Analysis‹). Ein statisches Dashboard verhindert epistemisches Handeln.

Footnotes

  1. Epistemische Handlung – von griech. episteme für Wissen: Eine physische Veränderung der Umwelt, die den Denkprozess erleichtert (z.B. Stein drehen). Gegensatz: Pragmatische Handlung – Stein legen.

  2. Originalzitat: »Epistemic actions are physical actions that make mental computation easier, faster, or more reliable.« (Kirsh & Maglio, 1994)

  3. Cognitive Offloading: Wir manipulieren die Umwelt, um kognitive Kapazität freizugeben (z.B. Kalender statt Gedächtnis). 2

  4. Google EffectDigital Amnesia: Wir merken uns Informationen schlechter, wenn wir wissen, dass sie extern gespeichert sind. (Sparrow et al., 2011)

Clark, A., & Chalmers, D. (1998). The Extended Mind. Analysis, 58(1), 7–19. https://doi.org/10.1093/analys/58.1.7
Kirsh, D., & Maglio, P. (1994). On Distinguishing Epistemic from Pragmatic Action. Cognitive Science, 18(4), 513–549. https://doi.org/10.1207/s15516709cog1804_1
Risko, E. F., & Gilbert, S. J. (2016). Cognitive Offloading. Trends in Cognitive Sciences, 20(9), 676–688. https://doi.org/10.1016/j.tics.2016.07.002
Sparrow, B., Liu, J., & Wegner, D. M. (2011). Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips. Science, 333(6043), 776–778. https://doi.org/10.1126/science.1207745