Strukturelle Kopplung
Systeme irritieren sich, ohne einander zu steuern.
Operativ geschlossene Systeme bleiben füreinander Umwelt. Sie bleiben stumm. Wie sie operieren, bleibt strikt getrennt. Dennoch reagieren sie aufeinander, aber nur durch Resonanz, niemals durch Übertragung1.
Humberto Maturana und Francisco Varela nennen dies strukturelle Kopplung. Zwei Systeme koppeln sich, wenn ihre Strukturen so aufeinander abgestimmt sind, dass der Zustand des einen das andere irritiert. Die Kopplung entsteht durch wiederholte Interaktionen. Sie passen sich einander an, verschmelzen aber niemals (Maturana & Varela, 1987).
Das Gehirn ist strukturell gekoppelt mit seinem Körper. Es registriert Irritationen und verarbeitet sie nach eigener Logik. Was draußen ein roter Apfel ist, ist drinnen ein neuronales Muster. Das System interpretiert die Irritation; es übernimmt sie nicht.
Strukturelle Kopplung bedeutet: Zusammenpassen, aber getrennt bleiben – wie Schloss und Schlüssel. Ihre Strukturen sind so abgestimmt, dass sie funktional zusammenwirken. Die Systeme lernen, ihre Irritationen produktiv zu nutzen.
Niklas Luhmann macht diesen Gedanken zur Grundlage seiner Gesellschaftstheorie. Bewusstsein und Kommunikation sind gekoppelt, aber getrennt2. Gedanken bleiben im Bewusstsein gefangen; sie müssen in Sprache übersetzt werden. Kommunikation bleibt außen; sie kann nur beobachtet werden. Beide Systeme bleiben autonom.
Anknüpfungspunkte
Operationale Geschlossenheit - Kopplung setzt Geschlossenheit voraus. Interpenetration - Luhmanns Erweiterung für soziale Systeme: Konstitution statt nur Irritation. Unterschied Irritation Information - Kopplung produziert Irritationen, überträgt aber keine Information. Kognitive Externalisierung - Extended Mind ist strukturelle Kopplung zwischen Gehirn und Werkzeug.
Bestätigung
Luhmann definiert strukturelle Kopplungen als Einrichtungen, die trotz operativer Geschlossenheit die Strukturentwicklung beeinflussen.3 Systeme bleiben geschlossen, aber sie entwickeln sich ko-evolutionär (Luhmann, 1997, S. 100).
Widerspruch
Jürgen Habermas kritisiert: Luhmann blendet kommunikative Rationalität aus.4 Wenn Systeme nur irritiert werden, wo bleibt der Raum für Verständigung? Die Theorie versagt bei der Erklärung, wie Konsens entsteht oder wie rationale Argumente wirken (Leydesdorff, 2000).
Beispiel
Recht und Politik: Das Rechtssystem ist über die Verfassung mit der Politik gekoppelt. Politik kann Gesetze ändern, Irritation. Das Rechtssystem entscheidet aber selbst, ob es diese als Recht behandelt, Operation. Die Verfassung ist die Schnittstelle: Sie ermöglicht Einfluss, determiniert aber nicht (Luhmann, 1984).
Genealogie
Der Begriff stammt aus der Biologie der 1970er Jahre von Humberto Maturana. Er beschreibt lebende Systeme und ihre Umweltbeziehungen (Maturana & Varela, 1980). Heinz von Foerster lieferte die Basis mit selbstreferentiellen Systemen, die ihre Umwelt beobachten, aber nicht von ihr determiniert werden (Von Foerster, 1960)5.
Vertiefung
Francisco Varela entwickelt den Gedanken weiter zum Enactivism, Hervorbringung.6 Kognition entsteht durch strukturelle Kopplungen, nicht durch Repräsentation. Ein Organismus erzeugt seine Welt, indem er wiederholt mit ihr interagiert. Kognition ist verkörpertes Handeln7.
Blick über den Rand
In der Software-Architektur: Loose Coupling. Module sind verbunden, bleiben aber unabhängig. Änderungen in einem Modul lassen andere unberührt. Das ist analog zur strukturellen Kopplung: Verbindung ja, Abhängigkeit nein (Weick, 1976).
Footnotes
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Strukturelle Kopplung: Zwei Systeme stimmen ihre Strukturen so aufeinander ab, dass sie sich wechselseitig irritieren können, ohne ihre operative Geschlossenheit aufzugeben. ↩
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Originalzitat: »Kommunikationssysteme sind darauf angewiesen, daß sie an Bewußtseinssysteme strukturell gekoppelt sind.« (Luhmann, 1984) ↩
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Originalzitat: »Einrichtungen, die trotz (und wegen!) operativer Geschlossenheit eine Beeinflussung der Strukturentwicklung ermöglichen.« (Luhmann, 1997, S. 100) ↩
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Kommunikative Rationalität: Habermas’ Begriff für Verständigung durch Argumente. Luhmann sieht nur Irritation; Habermas sieht Konsens. ↩
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Selbstreferentielle Systeme: Systeme, die sich selbst beobachten und steuern. ↩
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Enactivism: Theorie, dass Kognition durch Handeln – Enactment – in der Welt entsteht, nicht durch Abbilden. (Varela et al., 1991) ↩
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Originalzitat: »Cognition is embodied action.« (Varela et al., 1991) ↩