Strukturelle Drift

Evolution ist ein Tanz, kein Marsch.

Evolution ist kein Marsch zum Gipfel. Es gibt keine Linie von ›schlecht‹ zu ›gut‹, von ›primitiv‹ zu ›angepasst‹, ›Survival of the Fittest‹. Humberto Maturana und Francisco Varela ersetzen dieses Bild durch die Strukturelle Drift (Maturana & Varela, 1987)1.

Ein System verändert sich ständig. Intern operiert es dynamisch; extern stören es Perturbationen, Störungen2. Wie es sich verändert, folgt keinem Plan. Es gibt nur eine Bedingung: Das System darf nicht sterben, seine Autopoiesis nicht verlieren3.

Ein Boot treibt ohne Ruder auf einem Fluss. Der Fluss, die Umwelt, und die Form des Bootes, die Struktur, bestimmen gemeinsam den Weg. Das Boot muss nicht ›den besten Weg‹ finden; es muss nur über Wasser bleiben. Wohin es treibt, ist irrelevant, solange die Reise weitergeht.

Evolution selektiert nicht den Besten; sie eliminiert nur den Unpassenden, ›Survival of the Fit‹. Alles, was kompatibel genug ist, darf weiterexistieren und driften. Wie ein Wassertropfen auf einem Hügel: Er sucht nicht den tiefsten Punkt; er folgt lokal der Schwerkraft. Die Pfade sind kontingent, nicht optimal.

Die Entwicklung deines Zettelkastens ist reine strukturelle Drift. Du planst nicht das Buch. Du schreibst Zettel, verlinkst sie, und beobachtest, welche Cluster wachsen. Dein Zettelkasten driftet in Themengebiete hinein, die du vorher nicht kanntest.

Anknüpfungspunkte

Strukturelle Kopplung - Kanalisiert die Drift – wie Ufer den Fluss. Unterschied Autopoiesis Allopoiesis - Die Drift dient nur dem Erhalt der Autopoiesis, keinem externen Zweck.

Bestätigung

Stephen Jay Gould bestätigt dies mit dem Konzept der Exaptation.4 Federn entwickelten sich ursprünglich für Thermoregulation, nicht fürs Fliegen. Vögel ›entdeckten‹ das Fliegen später als Nebenprodukt. Evolution ist offen und kontingent, nicht deterministisch (Gould & Vrba, 1982, S. 384).

Widerspruch

Der klassische Neo-Darwinismus (Richard Dawkins) sieht Evolution stärker als Optimierungsprozess. Organismen konkurrieren um Ressourcen; natürliche Selektion optimiert. Dawkins nennt die natürliche Selektion den ›blinden Uhrmacher‹.5 Hier gilt Drift als ›Rauschen‹. Für Maturana ist die Drift der eigentliche Modus; Selektion eliminiert nur, was nicht mehr passt.

Beispiel

Zettelkasten-Entwicklung: Du planst nicht die Themen von morgen. Du schreibst Zettel, verlinkst sie, und Themencluster driften in unerwartete Richtungen. Der Zettelkasten entwickelt keine Strategie; er folgt lokal den Attraktoren, häufigen Verknüpfungen.6 Ein Zettel über Luhmann verlinkt zu Kybernetik, der zu Feedbackschleifen, der zu Thermostaten. Plötzlich hast du ein Cluster über ›Selbstregulation‹, ohne Plan.

Genealogie

Der Begriff stammt aus der Kybernetik zweiter Ordnung (Maturana & Varela, 1987). Er bricht mit der teleologischen, zielgerichteten, Sicht auf Biologie. Maturana ersetzt ›Anpassung‹ durch ›strukturelle Kopplung‹: Nicht Optimierung, sondern Passung.

Vertiefung

Drift führt zu Pfadabhängigkeit: Einmal eingeschlagene Wege verfestigen sich – nicht weil sie optimal sind, sondern weil die historische Drift sie etabliert hat.7 Das QWERTY-Tastaturlayout entstand 1873, um mechanische Schreibmaschinen vor Verhaken zu schützen. Heute gibt es keine mechanischen Typewriter mehr, aber QWERTY bleibt. Die Pfade waren zufällig, dann verfestigten sie sich (David, 1985).

Blick über den Rand

In der Linguistik: Sprachen wandeln sich nicht, um ›besser‹ zu werden. Sie driften durch kleine Variationen der Sprecher auseinander. Die germanischen Sprachen trennten sich nicht planvoll; sie drifteten geografisch auseinander – durch Lautverschiebungen und grammatische Innovationen.

Footnotes

  1. Strukturelle Drift: Veränderung geschieht nicht durch zielgerichtete Anpassung, sondern durch blindes ›Driften‹ in einem erlaubten Raum. Es gibt kein Ziel ›da draußen‹, nur eine Bedingung: Das System darf nicht sterben.

  2. Perturbationen – Störungen: Externe Ereignisse, die das interne Gleichgewicht eines Systems irritieren, aber nicht determinieren.

  3. Autopoiesis – von griech. autos für selbst, poiein für machen: Ein System, das sich selbst erzeugt und reproduziert. Wenn es seine Autopoiesis verliert, stirbt es.

  4. Exaptation: Ein Merkmal, das für einen Zweck entstand, aber später für einen anderen genutzt wurde (Federn: Wärme Fliegen).

  5. Originalzitat: »Natural selection is the blind watchmaker.« (Dawkins, 1976)

  6. Attraktoren: Zustände, zu denen ein dynamisches System tendiert (z.B. Themen-Cluster im Zettelkasten).

  7. Pfadabhängigkeit: Einmal eingeschlagene Wege verfestigen sich durch historische Drift, nicht durch Optimalität.

David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review, 75(2), 332–337.
Dawkins, R. (1976). The Selfish Gene. Oxford University Press.
Gould, S. J., & Vrba, E. S. (1982). Exaptation—a Missing Term in the Science of Form. Paleobiology, 8(1), 4–15. https://doi.org/10.1017/S0094837300004310
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1987). The Tree of Knowledge: The Biological Roots of Human Understanding. Shambhala.