Unterschied Autopoiesis Allopoiesis

Ein Werkzeug wird benutzt. Ein Partner antwortet.

Humberto Maturana und Francisco Varela führten diese Unterscheidung ein, um Lebewesen von Maschinen abzugrenzen.

Allopoiesis bedeutet Fremdproduktion.1 Das System produziert etwas, das es selbst nicht ist. Eine Autofabrik baut Autos, aber keine neuen Fabriken. Ein Notizbuch speichert Gedanken, generiert aber keine neuen. Der Output ist ein Produkt; das System bleibt Werkzeug.

Autopoiesis bedeutet Selbstproduktion.2 Das System produziert nur sich selbst. Das Produkt ist das System. Eine Zelle produziert Proteine, die wiederum die Zelle bilden. Ein Gespräch produziert Kommunikation, die das Gespräch am Laufen hält. Der Output ist die Erhaltung der eigenen Organisation.

Für die Wissensarbeit ist der Unterschied entscheidend. Behandelst du deinen Zettelkasten allopoietisch, als Archiv, bekommst du nur heraus, was du hineingesteckt hast. Er bleibt ein dummes Werkzeug. Behandelst du ihn autopoietisch, als System, beginnt er zu antworten. Durch die Vernetzung entstehen Pfade, die du nie geplant hast. Der Zettelkasten wird zum ›Gesprächspartner‹, der dich überrascht (Luhmann, 1981)3.

Anknüpfungspunkte

ZK Emergenz - Autopoiesis ist der Motor der Emergenz; ohne sie bleibt das System starr. ZK Atomizität - Nur atomare Zettel können sich frei verbinden – Voraussetzung für Autopoiesis. Operationale Geschlossenheit - Autopoietische Systeme sind operational geschlossen.

Bestätigung

Niklas Luhmann beschreibt seine Arbeitsweise explizit als Kommunikation mit einem autopoietischen System. »Man muss den Zettelkasten so anlegen, dass er fähig ist, Informationen zu kombinieren […] und dadurch Überraschungseffekte zu erzielen.« (Luhmann, 1981)4 Er betrachtet den Zettelkasten als Partner, der Eigenleben entwickelt.

Widerspruch

Kritiker wenden ein: Ein Zettelkasten lebt biologisch nicht, kein Stoffwechsel. Die Anwendung des Begriffs ist eine Analogie. Systemtheoretisch ist sie jedoch zulässig, sofern wir ›Leben‹ durch operative Geschlossenheit ersetzen.5 Ein Zettelkasten ist biologisch allopoietisch, aus Holz und Papier, aber funktional autopoietisch, erzeugt Kommunikation.

Beispiel

Die biologische Zelle: Sie hat keinen Output wie eine Fabrik. Ihr einziger ›Output‹ ist sie selbst. Sie nimmt Stoffe auf, wandelt sie um, und repariert damit ihre eigene Struktur. Wenn sie aufhört, sich selbst zu produzieren, stirbt sie. Eine Maschine, wie ein Toaster, produziert etwas anderes, Toast, und wird von außen repariert (Maturana & Varela, 1980).

Genealogie

Der Begriff stammt aus der biologischen Kybernetik [@maturana_varela_1980]. Niklas Luhmann importierte ihn in die Soziologie, um soziale Systeme als eigenständige Realitäten zu begründen.

Blick über den Rand

In der KI-Forschung: Ist ChatGPT ein allopoietisches Werkzeug, Text-Generator, oder zeigt es autopoietische Züge, Emergenz? Aktuell ist es allopoietisch, es dient dir. Autonome Agenten, ›AutoGPT‹, die sich selbst Ziele setzen und ihren Code verbessern, könnten die Grenze zur Autopoiesis überschreiten.

Footnotes

  1. Allopoiesis – von griech. allos für fremd, poiein für machen: Das System produziert etwas, das es selbst nicht ist. Der Zweck liegt außerhalb des Systems.

  2. Autopoiesis – von griech. autos für selbst, poiein für machen: Das System produziert nur sich selbst. Der Zweck liegt innerhalb des Systems – Selbsterhalt.

  3. Luhmann nannte seinen Zettelkasten einen ›Gesprächspartner‹. Er schrieb, der Zettelkasten überrasche ihn mit Verbindungen, die er selbst nie geplant hatte.

  4. Originalzitat: »Man muss den Zettelkasten so anlegen, dass er fähig ist, Informationen zu kombinieren […] und dadurch Überraschungseffekte zu erzielen.« (Luhmann, 1981)

  5. Operative Geschlossenheit: Ein System operiert ausschließlich mit eigenen Elementen und nach eigenen Regeln.

Luhmann, N. (1981). Kommunikation Mit Zettelkasten: Ein Erfahrungsbericht. In H. Baier, H. M. Kepplinger, & K. Reumann (Hrsg.), "Offentliche Meinung Und Sozialer Wandel (S. 222–228). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-322-87749-9_19
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1980). Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. Reidel.