ZK Emergenz
Baue Brücken, ohne zu wissen, wohin sie führen.
Emergenz ist das Phänomen, dass aus der Interaktion vieler einfacher Elemente ein komplexes Muster entsteht, das kein Element allein besitzt.1 Eine einzelne Ameise ist dumm. Aber die Kolonie baut Straßen, findet Nahrung, organisiert sich. Keine Königin plant (Johnson, 2001).
Der Zettelkasten funktioniert genauso. Lokale Verbindungen zwischen Zetteln produzieren globale Muster, die niemand geplant hat. Du arbeitest gewohnt von oben nach unten, Inhaltsverzeichnis zuerst.2 Der Zettelkasten dreht das um: Von unten nach oben.3 Du schreibst Zettel, verlinkst sie und wartest ab, was passiert.
Niklas Luhmann baute 90.000 Zettel auf, ohne Gliederung für seine Bücher. Er hatte ein Ziel (›Theorie der Gesellschaft‹), aber keinen Plan. Er sammelte von unten nach oben; Themen kristallisierten sich heraus (Luhmann, 2000, S. 11).
Denk an Trampelpfade. Niemand plant sie. Sie entstehen dort, wo viele Menschen gehen. Später werden sie asphaltiert. Im Zettelkasten werden Pfade zu Buchkapiteln, aber erst, wenn kritische Masse erreicht ist. Wer vorher plant, baut Straßen, die keiner nutzt.
Anknüpfungspunkte
ZK Serendipität - Emergenz produziert Überraschung; Planung produziert nur das Erwartete. ZK Konnektivität - Verbindungen sind der Motor der Emergenz. ZK Atomizität - Nur bewegliche Einheiten können emergente Strukturen bilden.
Bestätigung
Adam Ferguson prägte 1767 die Formulierung: Gesellschaft sei das Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlicher Planung (Ferguson, 1767)4. Niklas Luhmann wandte dies auf Wissensproduktion an. Sein Zettelkasten war eine ›spontane Ordnung‹ – eine Kombination von Unordnung und Ordnung, von Clustern und unvorhersehbaren Verbindungen (Luhmann, 2000, S. 26)5.
Widerspruch
Nutzer berichten von der ›Messy Middle‹. Bevor Emergenz sichtbar wird, herrscht Chaos. Ein Forumsbeitrag formuliert es drastisch: Mit einem externen System zu arbeiten sei kognitiv sehr schwer – ein Chaos, als stünde man im Wald.6 Das Vertrauen darauf, dass sich Ordnung von selbst einstellt, erfordert Disziplin. Aber irgendwann entsteht eine Hütte.
Beispiel
Rhizom: Gilles Deleuze und Félix Guattari unterscheiden zwischen Baum und Rhizom, Wurzelgeflecht.7 Der Baum repräsentiert Hierarchie: Wurzel, Stamm, Ast. Das Rhizom wuchert horizontal. Beispiele sind Gras und Ingwer. Jeder Punkt kann mit jedem verbunden werden; es gibt kein Zentrum. Der Zettelkasten ist rhizomatisch. Er wächst, er wird nicht gebaut (Deleuze & Guattari, 1987).
Genealogie
Luhmann sagte: »Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit, als ich für Bücher brauche. Aber er ist derjenige, der die Bücher schreibt.« (Luhmann, 1981)8 Er sah das System als eigenständigen Akteur, der emergente Eigenschaften, Intelligenz, entwickelte.
Vertiefung
Steven Johnson beschreibt Ameisenintelligenz: Verbinde genug dumme Elemente richtig, und du erhältst spontane Intelligenz.9 Die Kolonie ist klüger als das Individuum. Der Zettelkasten nutzt denselben Mechanismus: Lokale Interaktionen, Links, erzeugen globale Intelligenz, Theorie (Johnson, 2001).
Blick über den Rand
In der Stadtplanung: Jane Jacobs zeigte, dass am Reißbrett geplante Städte, Brasilia, leblos sind. Gewachsene Städte, wie Greenwich Village, entwickeln durch chaotische Interaktion lebendige Ordnung. Der Zettelkasten ist eine Stadt, kein Denkmal (Jacobs, 1961).
Footnotes
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Emergenz – von lat. emergere für auftauchen: Eigenschaften, die erst aus der Verbindung von Elementen entstehen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. ↩
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Von oben nach unten – top-down: Struktur zuerst – Inhaltsverzeichnis –, dann Inhalt. Hierarchisch. Geplant. ↩
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Von unten nach oben – bottom-up: Elemente zuerst – Zettel –, Struktur entsteht von selbst. Organisch. Ungeplant. ↩
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Originalzitat: »the result of human action, but not the execution of any human design« (Ferguson, 1767) ↩
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Originalzitat: »combination of disorder and order, of clustering and unpredictable combinations« (Luhmann, 2000, S. 26) ↩
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Originalzitat: »Cognitively very hard to work with an external system – a mess, like standing in the middle of the woods with all the leaves and arms and twigs around you.« ↩
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Rhizom – von griech. rhiza für Wurzel: Ein horizontal wucherndes Geflecht ohne Zentrum. Metapher für nicht-hierarchisches Denken. (Deleuze & Guattari, 1987) ↩
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Originalzitat: »Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit, als ich für Bücher brauche. Aber er ist derjenige, der die Bücher schreibt.« (Luhmann, 1981) ↩
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Originalzitat: »An individual ant, like an individual neuron, is just about as dumb as can be. Connect enough of them together properly, though, and you get spontaneous intelligence.« (Johnson, 2001) ↩