Unterschied Irritation Information

Information ist interne Resonanz, kein externer Input.

Es fliegt kein Gedanke durch die Luft, nur Schallwellen. Die Idee, dass du Information wie Pakete ›übertragen‹ kannst (Sender-Empfänger-Modell), ist physikalisch falsch.

Irritation, Perturbation, ist ein physikalisches Ereignis in der Umwelt.1 Licht, Schall, Druck. Es stößt an die Grenzen des Systems, hat aber an sich keine Bedeutung. Die Umwelt ist, wie sie ist. Sie schweigt (Von Foerster, 1985).

Information ist eine interne Leistung des Systems.2 Das System reagiert auf die Irritation, indem es aus vielen Möglichkeiten eine auswählt. Gregory Bateson definierte Information als »einen Unterschied, der einen Unterschied macht« (Bateson, 1972)3. Information ist ein Ereignis, das den Systemzustand ändert.

Denk an ein Radio. Draußen sind nur elektromagnetische Wellen, Irritation. Erst der Tuner im Gerät macht daraus Musik, Information. Ohne das Gerät gibt es keine Musik, nur Rauschen. Du bringst die Umwelt zum Sprechen, indem du interpretierst.

Anknüpfungspunkte

Operationale Geschlossenheit - Weil das System geschlossen ist, entsteht Information nur intern. Strukturelle Kopplung - Irritation ist der einzige Weg, wie gekoppelte Systeme interagieren. ZK Emergenz - Im Zettelkasten entsteht Information erst, wenn du eine Verbindung ziehst.

Bestätigung

Maturana und Varela betonen: Lebende Systeme sind strukturdeterminiert.4 Die Umwelt kann Reaktionen nur triggern, niemals bestimmen. Ein Tritt gegen einen Stein bewirkt Bewegung; ein Tritt gegen einen Hund bewirkt Beißen oder Flucht. Die Struktur des Hundes bestimmt die Reaktion, der Tritt löst sie nur aus (Maturana & Varela, 1987).

Widerspruch

Die klassische Informationstheorie (Claude Shannon) definiert Information technisch als Reduktion von Unsicherheit bei der Signalübertragung (Shannon, 1948)5. Für Shannon existiert Information unabhängig vom Empfänger. Die Systemtheorie widerspricht: Ohne beobachtendes System gibt es nur Daten, keine Information. Shannon misst Übertragung; Luhmann misst interne Selektion.

Beispiel

Farbwahrnehmung: Physikalisch gibt es kein ›Rot‹, nur Wellen von 700nm, Irritation. ›Rot‹ ist eine Konstruktion unseres Gehirns, um Wellenlängen zu unterscheiden. Ein Farbenblinder erhält dieselbe Irritation, generiert aber andere Information. Die Welt ist farblos; du machst sie farbig.

Genealogie

Gregory Bateson lieferte die Definition: Information ist eine Differenz, die eine Differenz macht.3 Niklas Luhmann übernahm dies. Heinz von Foerster radikalisierte es: Die Umwelt enthält keine Information. Die Umwelt ist so, wie sie ist (Von Foerster, 1985)6.

Vertiefung

Luhmann baut darauf seinen Kommunikationsbegriff auf. Kommunikation ist die Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen.7 Erst das Verstehen, die Unterscheidung von Info und Mitteilung durch den Empfänger, schließt die Kommunikation ab. Ohne Verstehen gibt es keine Kommunikation, nur Geräusch.

Blick über den Rand

In der Quantenphysik: Ein Teilchen hat keinen festen Zustand, bis es gemessen wird. Die Messung (Interaktion) zwingt die Wellenfunktion zum Kollaps. Information entsteht erst durch den Messprozess (Beobachtung), sie existiert nicht ›an sich‹ im Teilchen.

Footnotes

  1. Irritation – von lat. perturbare für durcheinanderbringen: Ein physikalisches Ereignis – Licht, Schall –, das an die Systemgrenze stößt. Es hat keine Bedeutung.

  2. Information: Eine interne Auswahl des Systems als Reaktion auf eine Irritation. Sie entsteht nie außerhalb.

  3. Originalzitat: »Information is a difference that makes a difference.« (Bateson, 1972) 2

  4. Strukturdeterminiert: Die interne Struktur bestimmt die Reaktion. Die Umwelt triggert nur.

  5. Informationstheorie – Shannon, 1948: Mathematische Definition von Information als Signalübertragung.

  6. Originalzitat: »Die Umwelt enthält keine Information. Die Umwelt ist so, wie sie ist.« (Von Foerster, 1985)

  7. Kommunikation – Luhmann: Einheit aus Information (was?), Mitteilung (wie?) und Verstehen (Unterscheidung).

Bateson, G. (1972). Steps to an Ecology of Mind. Chandler.
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1987). The Tree of Knowledge: The Biological Roots of Human Understanding. Shambhala.
Shannon, C. E. (1948). A Mathematical Theory of Communication. Bell System Technical Journal, 27, 379–423. https://doi.org/10.1002/j.1538-7305.1948.tb01338.x
Von Foerster, H. (1985). Sicht Und Einsicht: Versuche Zu Einer Operativen Erkenntnistheorie. Vieweg.