Operationale Geschlossenheit

Selbstbezug schafft Weltbezug.

Ein System, eine Zelle, ein Bewusstsein oder ein Zettelkasten, besitzt keine ›Türen‹, durch die Informationen unverändert hineinspazieren. Es operiert ausschließlich innerhalb seiner Grenzen, mit seinen eigenen Elementen. Nur so kann es überhaupt zwischen System und Umwelt unterscheiden (Luhmann, 1984)1.

Die Umwelt kann nicht direkt durchgreifen. Jede äußere Einwirkung übersetzt das System intern als ›Irritation‹ und verarbeitet sie nach eigenen Regeln. Dass es geschlossen ist, ermöglicht paradoxerweise, dass es offen sein kann: Nur weil das System stabil intern strukturiert ist, kann es überhaupt Informationen generieren.

Ein autopoietisches System erzeugt seine Operationen ausschließlich aus dem Netzwerk seiner eigenen Operationen (Varela, 1979)2. Das Gehirn operiert in einer ›Dunkelkammer‹. Es sieht kein Licht; es verarbeitet nur neuronale Impulse, die durch Licht auf der Netzhaut ausgelöst wurden. Weil es diese Impulse nach stabilen Regeln verarbeitet, kann es eine kohärente ›Welt‹ erzeugen. Wäre es offen, würde der Input die Struktur zerstören.

Ein Objekt verbirgt seinen internen Zustand und erlaubt Interaktion nur über definierte Schnittstellen. Die interne Logik bleibt unzugänglich und stabil. Du kennst das aus der Informatik als Encapsulation.

Anknüpfungspunkte

Unterschied Autopoiesis Allopoiesis - Geschlossenheit ist das Merkmal autopoietischer Systeme. Strukturelle Kopplung - Der Mechanismus, der trotz Geschlossenheit koordiniert. ZK Emergenz - Zettel vernetzen sich intern und ordnen sich ohne externen Plan.

Bestätigung

Humberto Maturana betont: Kognition ist kein ›Abbilden‹ einer objektiven Welt, sondern ein ›Hervorbringen‹, Enactment, einer Welt durch das geschlossene Operieren.3 Das Nervensystem repräsentiert nicht die Außenwelt; es erzeugt eine Welt durch rekursive interne Operationen (Maturana & Varela, 1980, S. 13).

Widerspruch

Hilary Putnam und John Searle werfen der Theorie Solipsismus vor: Wenn alles hausgemacht ist, gibt es dann eine Außenwelt?4 Heinz von Foerster entgegnet: Die Außenwelt ist der Anstoß, aber ihre Bedeutung konstruiert das System intern. Du erfindest die Welt nicht, aber du errechnest sie. Die Realität entsteht durch Eigenwerte – stabile Resultate rekursiver Operationen (von Foerster, 1981)5.

Beispiel

Das Immunsystem: Francisco Varela zeigte 1994, dass es keine Armee ist, die Eindringlinge erkennt. Es ist ein geschlossenes Netzwerk, das primär mit sich selbst interagiert. Viren sind nur Perturbationen, Störungen, die das interne Gleichgewicht irritieren.6 Das System definiert selbst, was ›Selbst‹ und ›Nicht-Selbst‹ ist. Es reagiert nicht auf ›fremde Antigene‹, sondern auf Abweichungen von seiner eigenen Norm (Varela, 1994).

Transfer

Encapsulation in Software: Ein Objekt kapselt seinen internen Zustand (private) und erlaubt Zugriff nur über Methoden (public). Die interne Logik bleibt von außen unzugänglich. Du kannst die Implementation ändern, ohne die API zu ändern. Das ist operative Geschlossenheit im Code: Änderungen innen brechen nichts außen.

Genealogie

Francisco Varela definierte den Begriff 1979 in Principles of Biological Autonomy für biologische Netzwerke (Varela, 1979). Niklas Luhmann transferierte ihn auf soziale Systeme: Kommunikation schließt nur an Kommunikation an, nicht an Gedanken (Luhmann, 1984).

Vertiefung

Luhmann radikalisiert den Begriff: »Kommunikation kann nur an Kommunikation anschließen, nicht an Bewusstsein oder chemische Prozesse« (Luhmann, 1984). Soziale Systeme sind operational geschlossen. Bewusstsein ist Umwelt für Kommunikation. Du denkst einen Gedanken; aber dieser Gedanke ist nicht die Kommunikation. Kommunikation entsteht erst, wenn jemand etwas mitteilt und diese Differenz verstanden wird.

Footnotes

  1. Operationale Geschlossenheit: Ein System operiert ausschließlich mit eigenen Elementen. Paradoxerweise ermöglicht diese Geschlossenheit Offenheit: Nur weil das System stabil ist, kann es überhaupt zwischen innen und außen unterscheiden.

  2. Autopoietisches System – von griech. autos für selbst, poiein für machen: Ein System, das sich selbst erzeugt. Es operiert geschlossen. Beispiel: Das Bewusstsein produziert Gedanken aus Gedanken. (Varela, 1979)

  3. Enactment – Hervorbringen: Maturanas Begriff dafür, dass Organismen ihre Welt nicht abbilden, sondern durch ihre Operationen erzeugen.

  4. Solipsismus: Die philosophische Position, dass nur das eigene Bewusstsein existiert.

  5. Eigenwerte: Heinz von Foersters Begriff für stabile Resultate rekursiver Operationen. Das System erzeugt seine eigene Stabilität durch Wiederholung. (von Foerster, 1981)

  6. Perturbationen – Störungen: Varela: Viren sind keine ›Eindringlinge‹, die das Immunsystem ›erkennt‹. Sie sind Störungen, die das geschlossene Netzwerk irritieren. (Varela, 1994)

Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme: Grundriß Einer Allgemeinen Theorie. Suhrkamp.
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1980). Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. Reidel.
Varela, F. J. (1979). Principles of Biological Autonomy. Elsevier North Holland.
Varela, F. J. (1994). On Observing Natural Systems. The Open-Ended Curiosities of Francisco Varela.
von Foerster, H. (1981). Observing Systems. Intersystems Publications.