ZK Serendipität
Plane für den glücklichen Unfall.
Serendipität ist kein blinder Zufall. Sie ist die Fähigkeit, unerwartete Entdeckungen zu machen, weil du eine Struktur geschaffen hast, die Kollisionen provoziert.
Der Zettelkasten ist ein Zufallsgenerator mit Gedächtnis. Du findest etwas viel Besseres als das, was du suchst. Du suchst nach ›Evolution‹ und findest einen alten Link zu ›Marktwirtschaft‹. Plötzlich siehst du die Parallele zwischen biologischer Selektion und Wettbewerb. Diese Kollision wäre ohne den Link ausgeblieben.
Julius Comroe bringt es auf den Punkt: Serendipität heißt, im Heuhaufen nach einer Nadel zu suchen und die Tochter des Bauern zu finden (Merton & Barber, 2004)1. Doch Louis Pasteur warnte: »Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist.«2 Der Zettelkasten ist dieser vorbereitete Geist.
Stell dir eine Cocktailparty vor. Du gehst hin, um den Gastgeber zu begrüßen, Suche, kommst aber ins Gespräch mit einem Fremden, der dein Leben verändert, Serendipität. Der Zettelkasten legt die Wege für solche Kollisionen. Wenn du nur mit Leuten redest, die du kennst, lernst du nichts Neues.
Anknüpfungspunkte
ZK Konnektivität - Links sind die Pfade, auf denen der Zufall wandert. ZK Emergenz - Serendipität ist der Moment, in dem emergente Strukturen sichtbar werden. ZK Retrieval - Navigation (Browsing) provoziert Serendipität; gezielte Suche verhindert sie.
Bestätigung
Robert K. Merton untersuchte Serendipität soziologisch: Große Entdeckungen, Penicillin oder Röntgenstrahlen, waren ›Unfälle‹. Aber sie passierten Forschern, die fähig waren, die Anomalie als bedeutsam zu erkennen (Merton & Barber, 2004)3. Merton definiert: Du beobachtest etwas Unerwartetes, Anomales und Strategisches, das dich zu einer neuen Theorie führt.
Widerspruch
Kritiker sagen, Zufall lasse sich nicht planen. Aber die Wissenschaftsgeschichte zeigt: Wenn du nur das Erwartete suchst, findest du nur das Erwartete. Wenn du offen bleibst, strukturiert offen durch Links, findest du das Unerwartete. Serendipität bedeutet, Zufall intelligent zu nutzen.
Beispiel
Viagra: Pfizer testete Sildenafil als Herzmedikament. Es wirkte schlecht. Aber Probanden berichteten von einer ›Nebenwirkung‹, Erektion. Pfizer erkannte das Potenzial und wechselte das Ziel. Serendipität heißt, Nebenprodukte in Hauptprodukte zu verwandeln.
Genealogie
Horace Walpole prägte den Begriff 1754, inspiriert vom Märchen ›Die drei Prinzen von Serendip‹. Die Prinzen entdeckten durch Scharfsinn Dinge, die sie nicht suchten. Walpole betonte zwei Elemente: Zufall, Accident, und Scharfsinn, Sagacity. Zufall allein ist Lotto. Scharfsinn allein ist Deduktion.4
Vertiefung
Der Zettelkasten liefert den Zufall, durch Links; du lieferst den Scharfsinn. Links verwandeln den Kasten von einem stummen Archiv in einen produktiven Partner. Luhmann nannte ihn einen ›Kommunikationspartner‹, der ihn auf neue Gedanken brachte (Luhmann, 1981).
Blick über den Rand
In der Pharmaindustrie spricht man von ›Fail Fast‹. Scheitere schnell, aber behalte die interessanten Unfälle, wie Viagra oder Teflon. Der Zettelkasten ist ein Labor für Gedanken-Unfälle.
Footnotes
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Originalzitat: »Serendipity is looking in a haystack for a needle and discovering a farmer’s daughter.« (Merton & Barber, 2004) ↩
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Originalzitat: »Chance favors the prepared mind.« – Louis Pasteur ↩
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Anomalie: Eine Abweichung vom Erwarteten, die nicht ins bisherige Erklärungsmuster passt. ↩
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Deduktion: Logisches Schließen vom Allgemeinen zum Besonderen. Du weißt vorher, was du suchst. ↩