ZK Retrieval
Folge dem Pfad, such den Zettel später.
Du findest im Zettelkasten wieder, indem du entlang von Gedankenpfaden navigierst, Browsing, nicht indem du technisch suchst, Search.
Es gibt zwei Arten des Findens. Suche: Du weißt, was du suchst, Keyword. Du bekommst eine Liste. Du selektierst. Navigation: Du weißt ungefähr, was du suchst. Du steigst an einem Punkt ein und folgst Verweisen. Du findest Dinge, die du sonst übersehen hättest.
Der Zettelkasten optimiert Navigation. Er ist ein Labyrinth, kein Telefonbuch. Im Labyrinth hilft dir der Faden der Ariadne, die Linkkette. Du steigst über einen groben Begriff ein, z.B. ›Systemtheorie‹, und hangelst dich von Zettel zu Zettel: ›Autopoiesis‹ → ›Geschlossenheit‹ → ›Kognition‹. Dabei passierst du Kreuzungen, die dich auf neue Ideen bringen. Wer sucht, Cmd+F, übersieht die Kreuzungen.
Luhmann formulierte: »Das Problem liegt darin, Wissen so wiederzufinden, dass es im Moment des Denkens relevant ist.« (Luhmann, 1981) Relevanz entsteht als Relation zwischen Gedanken. Diese Relationen sind die Links. Wer verknüpft, wird gefunden. Wer ordnet, wartet.
Anknüpfungspunkte
ZK Kontextualisierung - Damit Retrieval funktioniert, müssen wir Kontext als Pfad anlegen. ZK Konnektivität - Links bilden Pfade; Pfade ermöglichen Browsing. ZK Serendipität - Navigation ermöglicht Zufallsfunde; Suche verengt den Blick.
Bestätigung
Johannes Schmidt analysierte Luhmanns Arbeitsweise: Luhmann nutzte das Schlagwortregister als Einstieg, ›Türen ins Labyrinth‹ (Schmidt, 2013). Die Recherche fand im Kasten statt, indem er internen Verweisungsketten folgte. Das Register war der Türgriff; die Karte kam später.
Widerspruch
Digitale Tools, Obsidian oder Roam, verführen zur Volltextsuche: »Ich finde es ja wieder«. Das ist gefährlich. Die Suche liefert Erwähnungen, Zusammenhänge entgehen ihr. Sie reißt den Zettel aus seinem Kontext. Du findest den Zettel, aber der Gedanke, der durch ihn fließt, bleibt verborgen.
Beispiel
Das Wikipedia-Spiel: Du startest bei einem zufälligen Artikel, ›Katze‹, und versuchst, durch Klicken von Links zu einem Ziel, ›Hitler‹, zu kommen. Du lernst dabei mehr über die Struktur der Welt als durch die direkte Suche. Der Zettelkasten ist ein Wikipedia-Spiel mit eigenen Gedanken.
Genealogie
Das Prinzip antizipierte die Hypertextstruktur des Web. Vannevar Bush träumte 1945 von ›Trails‹ (Bush, 1945). Allerdings tragen Links im Web selten Begründungen, ›dumme‹ Links, während ZK-Links semantisch qualifiziert sein sollten: ›X widerspricht Y‹.
Vertiefung
Marcia Bates prägte den Begriff Berrypicking.1 Du suchst Information dynamisch. Jede gefundene Information, Beere, verändert die nächste Frage. Du sammelst Beeren entlang eines Pfades, Stück für Stück. Der Zettelkasten ist ein Beerenfeld, das beim Pflücken nachwächst (Bates, 1989).
Blick über den Rand
In der Stadtplanung spricht Kevin Lynch von Legibility, Lesbarkeit.2 Eine gut lesbare Stadt erlaubt intuitive Orientierung durch Landmarken und Pfade (Lynch, 1960). Dasselbe gilt für den Zettelkasten: Ein gut strukturierter Kasten erlaubt intuitive Navigation. Du spürst, wo du bist.