ZK Kontextualisierung

Schreibe auf, wofür du es brauchst, statt woher du es hast.

Ein isolierter Fakt bleibt wertlos. Erst wenn du ihn in einen spezifischen Frage-Kontext stellst, erhält er Bedeutung und wird wiederauffindbar. Du archivierst Information gern nach ihrer Herkunft: ›Zitat aus Buch X‹. So denken Archive. Im Zettelkasten speicherst du nach Zukunftsnutzen: ›Argument für These Y‹.

Ein Zettel bleibt ein Missverständnis auf Vorrat, bis du ihn in einen Kontext stellst. Denk an ein Spenderorgan. Der Chirurg entnimmt die Niere dem Spender, löst sie aus dem Kontext, und näht sie dem Empfänger ein, neuer Kontext. Wenn er das Organ einfach in den Kasten legt, stirbt es. Du musst Informationen verlinken, wo sie gebraucht werden. Ein Zitat über Evolution gehört vielleicht zu Unternehmensstrategie, nicht zu Biologie.

Der Kontext entscheidet, was ein Satz bedeutet. Darwin schrieb »Survival of the Fittest«. Du kannst daraus drei Zettel machen:

  • Biologie: Anpassung
  • Soziologie: Sozialdarwinismus
  • Wirtschaft: Marktmechanismen

Der Zettelkasten fordert dich auf: Entscheide dich, oder mache drei Zettel.

Sönke Ahrens schreibt: Du speicherst Informationen in dem Kontext, in dem du sie wiederfinden willst (Ahrens, 2017). Die Frage lautet: »In welchem Zusammenhang will ich darüber stolpern?« – nicht: »Wo lege ich das ab?«

Anknüpfungspunkte

ZK Retrieval - Wir finden Informationen in dem Kontext wieder, in dem wir sie verlinkt haben. Kognitive Externalisierung - Wir lagern Verknüpfungs-Muster aus; Daten allein genügen nicht. ZK Atomizität - Atomare Zettel lassen sich leichter in neue Kontexte verschieben.

Bestätigung

Das Prinzip wurzelt in der philosophischen Hermeneutik.1 Gadamer argumentiert, dass ein Text seinen Sinn erst im ›Horizont‹ des Lesers erhält, Horizontverschmelzung (Gadamer, 1960)2. Der Zettelkasten materialisiert dies. Die Bedeutung eines Zettels entsteht beim Verlinken.

Widerspruch

Traditionelle Archive folgen dem Provenienzprinzip.3 Die Herkunft bestimmt die Ordnung. Der Zettelkasten bricht damit radikal. Die Quelle wird notiert, spielt aber für die Struktur keine Rolle. Relevant ist allein die Anschlussfähigkeit. Kritiker warnen vor Informationsverlust durch Kontext-Entriss. Aber: Du löst die Info aus dem Ursprungstext, um sie in deinem Denknetz neu zu verankern.

Beispiel

Der Arzt-Witz: Ein Witz über Ärzte lässt sich in drei Kontexten ablegen:

  • ›Humor‹: Sammlung guter Witze
  • ›Medizinsoziologie‹: Kritik an Standesdenken
  • ›Rhetorik‹: Eisbrecher für Vorträge

Je nach Kontext wird der Witz unterschiedlich relevant. Der Zettelkasten zwingt dich zur expliziten Wahl.

Genealogie

Luhmann beschrieb dies als Kern seiner Methode: Der Zettelkasten funktioniert durch Anschlussfähigkeit (Luhmann, 1981). Jeder neue Zettel muss angeschlossen werden. Die Frage lautet: Wo kann dieser Gedanke weiterwachsen?

Blick über den Rand

In der Übersetzungswissenschaft: Du übersetzt Sinn für Sinn, neuer Kontext in Zielsprache, nicht Wort für Wort. ›Bank‹ bleibt bedeutungslos, bis der Kontext feststeht: Fluss oder Geld? Der Zettelkasten übersetzt jede Information in den Kontext deines Denkens.

Footnotes

  1. Hermeneutik: Lehre vom Verstehen. Bedeutung entsteht zwischen Text und Leser.

  2. Horizontverschmelzung: Gadamers Begriff für den Prozess, in dem das Vorwissen des Lesers mit dem Text verschmilzt und Verständnis erzeugt. (Gadamer, 1960)

  3. Provenienzprinzip: Archiv-Regel: Dokumente werden nach Herkunft geordnet (Behörde, Nachlass), nicht nach Inhalt.

Ahrens, S. (2017). How to Take Smart Notes. CreateSpace.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit Und Methode: Grundzüge Einer Philosophischen Hermeneutik. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
Luhmann, N. (1981). Kommunikation Mit Zettelkasten: Ein Erfahrungsbericht. In H. Baier, H. M. Kepplinger, & K. Reumann (Hrsg.), "Offentliche Meinung Und Sozialer Wandel (S. 222–228). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-322-87749-9_19