ZK Konnektivität

Isolierte Zettel sind tote Zettel.

Ein Zettel ohne Link gleicht einem Neuron ohne Synapse: Er feuert ins Leere. Er mag brillant sein, bleibt aber für das System tot, weil er beim Nachdenken über andere Themen stumm bleibt. In traditionellen Archiven ruhen Daten isoliert; sie kennen einander nicht.

Niklas Luhmann formulierte: »Jeder Zettel ist ein Element, das seine Qualität aus dem Netz der Verweise erhält.« (Luhmann, 1981) Du musst wissen, wie du von einem Punkt zum anderen kommst. Das Ziel heißt Vernetzung. So findest du, was du suchst, und stolperst über das, was du suchtest.

Die Netzwerktheorie zeigt, dass der Zettelkasten zu einem skalenfreien Netzwerk wird.1 Die meisten Zettel haben wenige Links; wenige Zettel, Hubs, haben extrem viele.2 Diese Struktur erlaubt es dir, mit wenigen Schritten von jedem Punkt zu jedem anderen zu kommen, Small-World-Effekt (Barabási, 2002)3. Das Gehirn arbeitet genauso: über ausbreitende Aktivierung durch Verknüpfungen.4

Metcalfe’s Law besagt, dass der Nutzen eines Netzwerks proportional zum Quadrat der Teilnehmerzahl wächst (Gilder, 1993). Ein Zettelkasten mit 1000 Zetteln ist hundertmal so wertvoll wie einer mit 100. Jeder neue Zettel fügt Information hinzu und wird gleichzeitig ein potenzieller Verknüpfungspunkt für alle anderen.

Anknüpfungspunkte

ZK Atomizität - Kleine Einheiten lassen sich präziser verknüpfen als große Blöcke. ZK Serendipität - Unerwartete Pfade entstehen nur, wenn wir Links folgen. ZK Emergenz - Das Netzwerk wird klüger als die Summe seiner Teile.

Bestätigung

Das Gehirn arbeitet assoziativ, Links, nicht hierarchisch, Ordner. Spreading Activation bedeutet, dass die Aktivierung eines Gedankens benachbarte Gedanken mitaktiviert. Der Zettelkasten externalisiert diese Struktur. Das Netzwerk bildet nach, wie du wirklich denkst: in Assoziationen.

Widerspruch

Zu viele Links desorientieren, Lost in Hyperspace.5 Wenn alles mit allem verknüpft ist, büßt ein Link seinen Wert ein. Kritiker wie Nick Milo fordern deshalb Hierarchien oder Strukturnotizen, Maps of Content, um Navigationspunkte zu schaffen.6 Die Lösung ist nicht weniger Links, sondern begründete Links. Ein Link, der erklärt (»Widerspricht, weil…«), ist wertvoll.

Beispiel

Autopoiesis-Netzwerk: Ein Zettel über ›Autopoiesis‹ ist verlinkt mit:

  • ›Zelle‹: biologisches Beispiel
  • ›Zettelkasten‹: funktionale Analogie
  • ›Allopoiesis‹: Kontrast
  • ›Luhmann‹: Autor

Jeder Link hat einen anderen Grund. Das Netzwerk wird semantisch reich, nicht nur dicht.

Genealogie

Vannevar Bush träumte schon 1945 im ›Memex‹ von einer Maschine, die assoziative Pfade nutzt, ›Trails‹ (Bush, 1945). Der Zettelkasten ist die papierbasierte Umsetzung dieser Vision: Wissen, das durch Assoziationen verbunden ist.

Vertiefung

Mark Granovetter zeigte in der Netzwerktheorie die ›Stärke schwacher Bindungen‹, Strength of Weak Ties (Granovetter, 1973)7. Enge Freunde, starke Links, wissen, was du weißt. Bekannte, schwache Links, bringen neue Informationen. Im Zettelkasten gilt dasselbe: Die überraschenden Verbindungen zu fremden Themen sind oft fruchtbarer als die offensichtlichen.

Blick über den Rand

Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web nach demselben Prinzip: Dezentrale Dokumente, verbunden durch Hyperlinks. Ein Dateisystem ist ein Baum, Ordner; das Web ist ein Netz. Der Zettelkasten ist das Web auf Papier.

Footnotes

  1. Skalenfreies Netzwerk: Ein Netzwerk, in dem wenige Knoten – Hubs – extrem viele Verbindungen haben – wie Google im Web.

  2. Hubs: Hochvernetzte Knotenpunkte, die als Verteiler dienen.

  3. Small-World-Effekt: Die Eigenschaft, dass jeder Knoten über wenige Schritte erreichbar ist – ›Six Degrees of Separation‹.

  4. Ausbreitende AktivierungSpreading Activation: Ein Gedanke aktiviert benachbarte Gedanken im neuronalen Netz.

  5. Lost in Hyperspace: Orientierungsverlust in hyperverlinkten Systemen.

  6. Maps of Content (MOCs): Strukturnotizen, die als Inhaltsverzeichnis für ein Thema dienen.

  7. Strength of Weak Ties: Granovetters Theorie, dass lose Verbindungen wichtiger für Innovation sind als feste Gruppen. (Granovetter, 1973)

Barabási, A.-L. (2002). Linked: The New Science of Networks. Perseus Publishing.
Bush, V. (1945). As We May Think. The Atlantic Monthly.
Gilder, G. (1993). Metcalfe’s Law and Legacy. Forbes ASAP.
Granovetter, M. S. (1973). The Strength of Weak Ties. American Journal Of Sociology, 78(6), 1360–1380. https://doi.org/10.1086/225469
Luhmann, N. (1981). Kommunikation Mit Zettelkasten: Ein Erfahrungsbericht. In H. Baier, H. M. Kepplinger, & K. Reumann (Hrsg.), "Offentliche Meinung Und Sozialer Wandel (S. 222–228). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-322-87749-9_19