ZK Atomizität

Ein Gedanke pro Zettel.

Wenn du zwei Gedanken auf einen Zettel schreibt (A + B), verknotest du sie. Wenn du später über A schreibst, ist B mit dabei, auch wenn B nicht passt. Denk an Lego. Ein fertig geklebtes Modellschiff kannst du nur als Schiff verwenden. Einen einzelnen Legostein kannst du für ein Schiff, eine Burg oder ein Raumschiff nutzen. Die Magie des Zettelkastens funktioniert nur, wenn die Bausteine klein und frei kombinierbar sind. Das ist Atomizität1. Emergenz entsteht nur aus atomaren Elementen.

Das Ziel ist Unteilbarkeit, nicht Kürze. Ein atomarer Zettel kann lang sein, solange er genau ein Thema behandelt. Er muss ›selbst-enthalten‹ sein – verständlich auch ohne den Kontext, aus dem er kam (Ahrens, 2017). Du isolierst Gedanken, um sie frei flottierend zu machen.

Paul Otlet formulierte dies schon 1934 als Monographisches Prinzip2 , siehe Genealogie. Um Wissen neu zu ordnen, musst du Bücher in ihre Fakten zerlegen.

Anknüpfungspunkte

ZK Konnektivität - Atomare Zettel sind wertlos ohne Links; Links funktionieren nur mit atomaren Zielen. SWE Single Responsibility - Das gleiche Prinzip im Software-Design: Eine Klasse, eine Aufgabe. ZK Kontextualisierung - Weil der Zettel atomar, kontextlos, ist, musst du Kontext künstlich durch Links erzeugen.

Bestätigung

Niklas Luhmann betonte: Zettel müssen ›kombinationsfähig‹ sein. Die Ordnung entsteht durch die mobile Anordnung der Atome, niemals durch feste Kapitel. »Der Zettelkasten ist ein Partner, der uns überrascht.« (Luhmann, 1981)3 Diese Überraschung gelingt nur, wenn Teile frei beweglich sind.

Widerspruch

Kritiker wenden ein: Atomisierung zerstört den narrativen Fluss. Man hat am Ende nur Schnipsel, kein Buch. Die Antwort lautet: Der Zettelkasten ist der Steinbruch, nicht das Buch. Das Buch entsteht, indem du die Steine in eine neue Reihenfolge bringst, Manuskript. Du zerstörst den ursprünglichen Kontext, um neue Kontexte zu ermöglichen.

Beispiel

Kaffeeanbau in Brasilien. Ein Zettel über ›Kaffeeanbau in Brasilien‹ ist schwer wiederverwendbar. Er klebt an Geografie und Biologie gleichzeitig. Besser:

  1. »Kaffee braucht Höhenlage« – Biologie
  2. »Brasilien hat Hochebenen« – Geografie
  3. »Monokulturen schaden dem Boden« – Ökologie

Jetzt kann ich Zettel 3 (›Monokulturen‹) auch in einem Text über Landwirtschaft in Deutschland verwenden. Ich habe die Ökologie von der Geografie befreit.

Genealogie

Paul Otlet, Mundaneum, formulierte 1934 das Monographische Prinzip. Er erkannte: Um Wissen neu zu ordnen, muss man Bücher physisch zerlegen. Er zerschnitt Seiten und klebte Fakten auf Karteikarten (Otlet, 1934). Dies ist der Vorläufer des Hypertext-Knotens, ›Node‹.

Blick über den Rand

In der Chemie: Komplexe Moleküle, Wasser, entstehen aus einfachen Atomen, H und O. Die Eigenschaft ›nass‹ ist weder in H noch in O enthalten; sie emergiert aus der Verbindung.4 Wären Atome riesige Klumpen, gäbe es keine Chemie, nur Physik. Dasselbe gilt für Zettel: Große Klumpen verhindern intellektuelle Chemie.

Transfer

Container-Schifffahrt: Vor 1950 wurden Säcke, Fässer und Kisten einzeln verladen, Break Bulk. Das war langsam. Der Standard-Container, TEU, atomisierte die Fracht. Egal ob Bananen oder Autos – alles passt in die gleiche Box. Das senkte die Frachtkosten um 90% und ermöglichte die Globalisierung. Der Zettel ist der Container für Gedanken.

Footnotes

  1. Atomizität – von griech. atomos für unteilbar: Das Prinzip, Information in die kleinstmögliche sinnvolle Einheit zu zerlegen.

  2. Monographisches Prinzip: Jeder Fakt auf eine eigene Karte. Begriff von Paul Otlet – 1934.

  3. Originalzitat: »Der Zettelkasten ist ein Partner, der uns überrascht.« (Luhmann, 1981)

  4. Emergenz – von lat. emergere für auftauchen: Eigenschaften eines Systems, die nicht in den Teilen enthalten sind, sondern erst aus deren Zusammenwirken entstehen.

Ahrens, S. (2017). How to Take Smart Notes. CreateSpace.
Luhmann, N. (1981). Kommunikation Mit Zettelkasten: Ein Erfahrungsbericht. In H. Baier, H. M. Kepplinger, & K. Reumann (Hrsg.), "Offentliche Meinung Und Sozialer Wandel (S. 222–228). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-322-87749-9_19
Otlet, P. (1934). Traité de Documentation: Le Livre Sur Le Livre, Théorie et Pratique. Mundaneum.